Ernst Bruckenberger

Telepathologie

- Das gesundheitspolitische Umfeld -

Referat anläßlich des "Vth Europan Congress on TELEPATHOLOGIE, Juli 20th — 23rd 2000, Aurich (Ostfriesland), Germany"

Gesundheitspolitisches Handeln hat sehr mehreren Jahren zwei Hauptursachen. Erstens die enormen Ausgabensteigerungen und zweitens die Folgen aus dem medizinisch-technischen und dem allgemeinen technologischen Fortschritt. Dieser findet durch den Wettbewerb und die Globalisierung immer schneller weltweite Verbreitung.

Die Ursachen der Ausgabensteigerungen sind vielfältig:

Die Dynamik der modernen Medizin hat zu einer deutlichen Verschiebung der Anforderungen hinsichtlich Informations- und Kommunikationstechnik an alle Leistungsanbieter im Gesundheitswesen geführt. Dies hat mehrere Gründe:

Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen haben engagierte Pathologen seit einigen Jahren erfolgreich begonnen, neue Kommunikationsstrukturen in Form der Telepathologie zu erproben. Nicht zuletzt mit dem Ziel ein Gleichgewicht mit den von ihnen verursachten Kosten und dem Nutzen ihrer Leistungen bei einer gleichzeitig verbesserten Versorgungsstruktur zu erreichen.

Unsere Gesellschaft befindet sich mitten in einer technologischen Revolution: Informationen und Wissen sind heute der digitalisierte "Rohstoff", der über die internationale Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen die Wissenschaft, die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und die Politik. Aber auch die Privatsphäre, der soziale und kommunikative Lebensbereich der Menschen, wird immer mehr von den neuen Kommunikationstechnologien geprägt. Die explosionsartige Ausdehnung des Internets ist ein Beleg dafür.

Hier liegt ein großes Potential für die Anwendungsgebiete der Telemedizin wie z.B. der Telepathologie. Neben einer Steigerung der Versorgungsqualität wird von Experten in den telemedizinischen Möglichkeiten ein großes Potential zur Datenaktualisierung, Kostensenkung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen gesehen.

Mit Hilfe der Telemedizin können die bestehenden Koordinierungs-, Integrations- und Vernetzungsprobleme reduziert und die Entscheidungs- und Planungsgrundlagen verbessert werden. Profitieren werden von diesen Chancen aber nur diejenigen, die bereit sind, alte Strukturen und Verfahren zu überdenken und sich den Herausforderungen des Informationszeitalters zu stellen.

In den letzten Jahren hat die zunehmende Verfügbarkeit flächendeckender Netzwerkinfrastrukturen neue Möglichkeiten für telemedizinische Anwendungen geschaffen.

Durch die Möglichkeiten der Ferndiagnose und zentralen Nutzung teurer medizintechnischer Geräte wird die Versorgung der Patienten und zugleich die Wirtschaftlichkeit verbessert. Der Aufbau medizinischer Datenbanken und Informationssysteme verbessert zudem die Diagnosemöglichkeiten der Ärzte. Von diesen Möglichkeiten profitiert auch die Telepathologie.

Die Bundesregierung will die Telemedizin zu einem wichtigen Bestandteil künftiger medizinischer Versorgungsstrukturen ausbauen und eine bundesweite Infrastruktur auf diesem Gebiet schaffen, um vorhandene Defizite abzubauen. Auch in den Ländern sind entsprechende Initiativen gestartet worden, wie z.B. innerhalb der Multimedia-Initiative in Niedersachsen.

Die Politik darf sich jedoch nicht auf die Initiierung von Projekten auf diesen Gebieten und die Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen beschränken. Notwendig ist auch eine kritische Begleitung der Aktivitäten der Telemedizin, vor allem mit Blick auf die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Informations- und Kommunikationstechnologien. So muss geklärt werden, welche Anwendungen auf Dauer betriebs- und volkswirtschaftlich effizient sein werden und welche Akzeptanz die Technologien bei den Nutzern haben.

Auch die Telepathologie als Anwendungsgebiet der Telemedizin ist daran zu messen, inwieweit sie in der Lage ist, einen Beitrag zur Verbesserung des Ressourceneinsatzes im Gesundheitswesen zu leisten. Betroffen davon sind folgende Aspekte:

Je mehr Erfolge die freie Marktwirtschaft kurzfristig zu verzeichnen hat, desto weniger wird sich nach herrschender Meinung ein so wichtiger Teil der Volkswirtschaft wie das Gesundheitswesen - und damit auch die Krankenhäuser und die anderen Leistungsanbieter - den Regeln und den Mechanismen des Marktes verschließen können. Gesundheitsleistungen werden als Dienstleistungen und damit als handelbare Waren interpretiert, bei denen sogar nationale Grenzen bedeutungslos werden.

Die zunehmende öffentliche Transparenz des Leistungsgeschehens sowie die Folgen der neuen leistungsbezogenen Abrechnungssysteme und der sich verstärkende Wettbewerb erhöhen systemimmanent die Qualitätsanforderungen von Patienten und Kostenträgern. Dabei werden die Schwerpunkte der sich etablierenden Qualitätssicherungsmaßnahmen von der Strukturqualität zur Prozess- und Ergebnisqualität verlagert.

In diesem Zusammenhang werden mit Leitlinien, Standardvorgaben, Prozesskontrollen, Indikatoren zur Messung der Ergebnisqualität usw. entwickelt. Die Telepathologen sind davon nicht ausgenommen.

Das einzelne Krankenhaus, genauso wie die einzelne Praxis oder das einzelne Institut, hat als Einzelkämpfer unter den Bedingungen und Gesetzen der freien Marktwirtschaft, der Globalisierung sowie der demographischen Entwicklung grundsätzlich keine Überlebenschance.

Verbindliche Kooperationen, Vernetzungen und integrierte Versorgungsformen mit den anderen Leistungssektoren sind zwingend geboten. Dadurch entwickeln sich wiederum neue Arbeitsabläufe und Berufsbilder. In der Wettbewerbsgesellschaft werden sich die Bedingungen der Leistungserbringung und -inanspruchnahme immer schneller ändern und ändern müssen. Die Forderung nach Wirtschaftlichkeit und Qualitätssicherung der erbrachten Leistungen in Verbindung mit innovativen Lösungen wird unter diesen Voraussetzungen zwangsläufig zunehmen.

Durch Datennetze hoher Leistungsfähigkeit können Gesundheitsexperten das Wissen und den Erfahrungsschatz der ganzen Welt nutzen oder zur Verfügung stellen. Dem Zwang zur Digitalisierung des eigenen Leistungsgeschehens werden sich auch die Krankenhäuser und die anderen Leistungsanbieter nicht entziehen können. Damit erhöht sich gleichzeitig die Möglichkeit des schnellen Datenaustausches.

Durch diese Digitalisierung der Daten verliert der Standort der Leistungserbringung an Bedeutung. Die neuen Informationstechnologien ermöglichen neue Wege im Rahmen der Beratung, Diagnostik, Behandlung und Pflege, aber auch der Logistik.

Eine Absenkung bzw. Stabilisierung der Kosten im Gesundheitswesen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer optimalen und - soweit vertretbar - bürgernahen Patientenversorgung mit hoher gesicherter Qualität ist, wenn überhaupt, nur über eine permanente Anpassung der Angebotsstrukturen und Betriebsabläufe zu erreichen.

Die Telepathologie als Anwendungsgebiet der Telemedizin, verstanden als mikroskopische Gewebsuntersuchung über eine räumliche Entfernung, gewinnt in dem geschilderten Umfeld vor allem durch den Einsatz engagierter Pathologen zunehmend an Bedeutung.

Ziel des Einsatzes telepathologischer Anwendungen sind vor allem Kostenreduzierungen einerseits und eine qualitätsgesicherte wirtschaftliche Patienversorgung andererseits.

Die Telepathologie wird dabei grundsätzlich in zwei operativ zu unterscheidenden Bereichen eingesetzt:

Zu klären und zu optimieren sind dabei die notwendigen technologischen Voraussetzungen für eine fehlerfreie Verbindung von Anbietern und Anwendern telepathologischer Leistungen, die Qualitätssicherung, der Datenschutz, die Wirtschaftlichkeit und die Bedingungen der persönlichen Leistungserbringung.

Hannover, den 16.07.2000