Nuklearmedizinische Therapie in Deutschland 1993

Ernst Bruckenberger

1. Zusammenfassung

Im Jahr 1993 wurden in Deutschland 121 "nuklearmedizinische Therapieeinheiten" mit insgesamt 791 Betten betrieben, in denen insgesamt 31.802 Therapien mit offenen Radionukliden erbracht wurden. Davon entfielen 22.890 auf gutartige Schilddrüsenerkrankungen, 6.388 auf bösartige und 2.524 auf sonstige Erkrankungen. Gegenüber dem Jahr 1991 bedeutet dies 5 Therapieeinheiten, 28 Betten und 1.274 Patienten mehr. Als "Therapieeinheit" wurde jede Vorhaltung in einem Krankenhaus gezählt, in der 1993 mindestens eine der in der Tabelle 1 aufgezählten nuklearmedizinischen Therapien erbracht wurde.

Tab. 1 : Nuklearmedizinische Therapien

Die Bettenziffer, d.h. die Betten auf 10.000 Einwohner, betrug 1993 im Bundesdurchschnitt 0,10. Die Krankenhaushäufigkeit, d.h. die Zahl der nuklearmedizinisch therapierten Patienten auf 10.000 Einwohner, lag bundesdurchschnittlich bei 3,9. Beide Werte haben sich gegenüber 1991 nur unwesentlich verändert.

Auf der Warteliste standen rd. 12.000 Patienten, d.s. 38 % der 1993 therapierten Patienten. Diese Warteliste sowie in den vorhandenen Therapieeinheiten feststellbare enorme Bandbreite in der Zahl der durchgeführten Therapien erfordern einerseits einen Ausbau und andererseits eine Konzentration der Therapieeinheiten, d.h. bestimmte Mindestgrößen. 

2. Standorte der Therapieeinheiten

Einen Überblick über die geographischen Standorte der 121 nuklearmedizinischen Therapieeinheiten in Deutschland bietet die folgende Abbildung 1 :

Abb. 1 : Standorte der nuklearmedizinischen Therapieeinheiten

Quelle : Länderumfrage des Krankenhausausschusses der AGLMB in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner

3. Bettenangebot und -struktur

Die Bettenziffer für nuklearmedizinische Therapie schwankte von 0,02 in Sachsen-Anhalt und Thüringen bis 0,22 in Saarland (siehe Abbildung 2).

Abb. 2 : Bettenziffer nach Ländern 1993

TH = Thüringen, ST = Sachsen-Anhalt, BB = Brandenburg, SN = Sachsen, HB = Bremen,
RP = Rheinland-Pfalz, MV = Mecklenburg-Vorpommern, HE = Hessen, SH = Schleswig-Holstein,
NI = Niedersachsen, BY = Bayern, NW = Nordrhein-Westfalen, BW = Baden-Württemberg,
HH = Hamburg, BE = Berlin, SL = Saarland

33 der genannten 121 nuklearmedizinischen Therapieeinheiten verfügen über ein bis drei Betten, 51 über vier bis sieben Betten, 21 über acht bis zwölf Betten und weitere 16 über 13 bis 24 Betten (siehe Abbildung 3). Die durchschnittliche Bettenkapazität pro Therapieeinheit betrug in den Universitätskliniken 10 Betten, in den übrigen Krankenhäusern fünf Betten.

Abb. 3 : Therapieeinheiten nach Größenklassen

Umfrage des Krankenhausausschusses der AGLMB in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner

Eine Analyse der 1993 vorhandenen Angebotsstruktur zeigt einen Schwerpunkt zugunsten der Universitätskliniken. 34 der insgesamt 121 nuklearmedizinischen Therapieeinheiten und damit 28,1 Prozent sind an einer Universitätsklinik angesiedelt. Bei den dort vorgehaltenen 346 Betten erhöht sich der zuletzt genannte Anteil sogar auf 43,4 Prozent. In den restlichen 87 Therapieeinheiten (71,9 Prozent) wurden damit 452 Betten (57,1 Prozent) vorgehalten. 89 der 121 Therapieeinheiten wurden von öffentlichen, 28 von freigemeinnützigen und 4 von privaten Krankenhausträgern vorgehalten.

 

4. Krankenhaushäufigkeit

1993 wurde bundesweit an insgesamt 31.802 Patienten (Fälle) eine nuklearmedizinische Therapie durchgeführt. Die Krankenhaushäufigkeit, d.h. die Zahl der nuklearmedizinisch therapierten Patienten auf 10.000 Einwohner, lag bundesdurchschnittlich bei 3,9. Unklarheiten bei der Zählung der Patienten als Folge verschiedenartiger Therapieformen sind nicht auszuschließen (siehe Tabelle 4).

Tab. 4 : Patienten und Krankenhaushäufigkeit

Die Krankenhaushäufigkeit in den einzelnen Ländern schwankt zwischen 0,8 in Thüringen und 8,8 im Saarland . Diese Tatsache ist unter anderem auf die voneinander abweichenden Angebotsstrukturen, unterschiedliche Therapieformen und unterschiedliche Zu- und Abwanderungen zurückzuführen.

 

5. Leistungsumfang in den Therapieeinheiten

Der Leistungsumfang in den 121 nuklearmedizinischen Therapieeinheiten unterscheidet sich erheblich. So lag beispielsweise in 30 Therapieeinheiten die Zahl der nuklearmedizinisch therapierten Patienten zwischen ein bis hundert Patienten, in 34 Therapieeinheiten zwischen 101 bis 200 und in 20 Therapieeinheiten zwischen 201 bis 300. Mehr als 700 Patienten wurden nur in 7 Therapieeinheiten behandelt (siehe Abbildung 4). In den 34 Therapieeinheiten der Universitätskliniken wurden 46,6 Prozent aller nuklearmedizinischen Therapien durchgeführt.

Abb. 4 : Leistungsumfang in den nuklearmedizinischen Therapieeinheiten

Umfrage des Krankenhausausschusses der AGLMB in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner

6. Leistungsangebote in den Therapieeinheiten

Die Behandlung gutartiger Schilddrüsenerkrankungen wird in 115 der 121 nuklearmedizinischen Therapieeinheiten durchgeführt. In 79 Therapieeinheiten davon werden auch bösartige Schilddrüsenerkrankungen nuklearmedizinisch therapiert. Die Therapie nur gutartiger Schilddrüsenerkrankungen wird in 36 Therapieeinheiten angeboten. Andere Leistungsangebote werden mit deutlichem Abstand durchgeführt. Von den 1993 in Deutschland durchgeführten nuklearmedizinischen Therapien entfielen 22.890 (1991 = 21.437) auf gutartige und 6.388 (1991 = 6.748) auf bösartige Schilddrüsenerkrankungen. Unter den übrigen 2.524 (1991 = 2.323) Therapien waren 150 (1991 = 215) Therapien von blutbildenden Organen, 717 (1991 = 403) Therapien von Knochenmetastasen, 269 (1991 = 214) Therapien von Geschwülsten in einer Körperhöhle und 1.388 (1991 = 1.351) Radiosynoviorthesen.

Die Therapieverteilung nach GOÄ-Ziffern im Jahre 1993 in den einzelnen Ländern ist aus der Tabellen 3 ersichtlich. 92,1 Prozent aller nuklearmedizinischen Therapien entfielen 1993 auf Schilddrüsenerkrankungen. In zwölf Ländern lag dieser Anteil sogar deutlich über 90 Prozent. In zwei Ländern wurde eine Therapie bösartiger Schilddrüsenerkrankungen 1993 nicht durchgeführt.

Tab. 3 : Therapieverteilung nach GOÄ-Ziffern und Ländern

Umfrage des Krankenhausausschusses der AGLMB in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner

7. Applikationsaktivität

Von der 1993 eingesetzten Applikationsaktivität (GBq) entfielen 41.426 (1991 = 34.782) bzw. rd. 98 Prozent auf das Radionuklid Jod-131, gefolgt mit deutlichem Abstand von den Radionukliden Yttrium-90, Phosphor-32 und anderen. 

8. Weiterentwicklung der nuklearmedizinischen Therapie

Für die künftige Kapazitätsentwicklung der nuklearmedizinischen Therapie in Deutschland sind folgende Gesichtspunkte zu beachten :

Die Warteliste sowie die enorme Bandbreite in der Zahl der in den vorhandenen Therapieeinheiten erbrachten Therapien erfordern einerseits einen Ausbau von Therapieeinheiten aber andererseits aus medizinischen und wirtschaftlichen Gründen eine Konzentration, d.h. eine Mindestgröße, derselben.

Hannover, im August 1995